Ausgabe 37: Netznutzungsentgelte
Wer zahlt das Netz? Netznutzungsentgelte im europäischen und internationalen Vergleich
Die Debatte rund um das Elektrizitätswirtschaftsgesetz 2025 (ElWG) ist mehr als eine bloße Gesetzesnovelle. Sie markiert einen tiefgreifenden Umbau des österreichischen Strommarktes, setzt zentrale EU-Vorgaben um und ordnet die Verteilung der Netzkosten grundlegend neu. Im Zentrum steht die Neuordnung der Systemnutzungsentgelte: Das Netznutzungsentgelt, das bislang ausschließlich auf der Verbraucherseite angesetzt wurde, soll künftig auch Erzeugungsanlagen betreffen.
Zwar leisten Erzeuger bereits heute Beiträge zu den Netzkosten, etwa über das Netzverlustentgelt für Einspeiser über 5 MW oder andere netznahe Entgelte. Neu ist jedoch, dass das zentrale Netznutzungsentgelt, das bislang ausschließlich bei Entnahmestellen verrechnet wurde, künftig auch die Erzeugerseite erfasst.
In dieser Ausgabe von Holzkraft recherchiert fokussieren wir uns auf die Netznutzungsentgelte im ElWG und werfen einen Blick darauf, wie andere Länder Netzkosten zwischen Erzeugung und Verbrauch aufteilen.
Was das ElWG bei den Netzentgelten vorsieht
Heute gilt in Österreich: Die Netzkosten liegen 2025 bei rund 3 Milliarden Euro und umfassen Errichtung, Betrieb, Instandhaltung und Ausbau der Netzinfrastruktur. Etwa 80 Prozent dieser Kosten werden über das Netznutzungsentgelt finanziert, das derzeit ausschließlich auf der Verbraucherseite erhoben wird.
Knapp 10 Prozent der Netzkosten entfallen auf das Netzverlustentgelt. Es wird je zur Hälfte von Einspeisern mit mehr als 5 MW Einspeiseleistung und von Verbrauchern getragen.
Zusätzlich fallen Entgelte für Messung, Netzzutritt, Netzbereitstellung und Systemdienstleistungen an.
In Summe tragen Einspeiser laut E Control heute rund 6 Prozent der Netzkosten, der große Rest entfällt auf Haushalte, Unternehmen und andere Entnehmer:innen. Auf den ersten Blick wirkt dieser Anteil gering. Entscheidend ist aber, wie er zustande kommt: Die 94 Prozent auf der Lastseite verteilen sich auf Millionen von Entnahmestellen, vom Haushaltszähler bis zum Industriebetrieb. Die 6 Prozent auf der Erzeugerseite werden dagegen von einer vergleichsweise kleinen Zahl großer Einspeisepunkte getragen. Für einzelne Holzkraftwerke werden netznahe Entgelte damit bereits heute zu einem spürbaren Kostenblock, auch wenn der prozentuelle Anteil am gesamten Netzkostenkuchen begrenzt bleibt.
Europa im Vergleich
Um einordnen zu können, was die geplante Neuverteilung der Netzentgelte im ElWG bedeutet, lohnt sich der Blick über die Grenzen. Wie verteilen andere europäische Länder ihre Netzkosten zwischen Erzeugung und Verbrauch, und wo steht Österreich in diesem Vergleich?
Grundlage unseres Vergleichs ist die Kurzstudie „Analyse von Einspeisenetzentgelten in Österreich vor dem Hintergrund der ElWG Novelle“, die Aurora Energy Research 2025 im Auftrag von Oesterreichs Energie erstellt hat. Ergänzend beziehen wir den ACER Bericht „Getting the signals right: electricity network tariff methodologies in Europe“ sowie frühere ACER Analysen zu Übertragungs- und Verteilnetztarifen ein, die den Anteil der Netzkosten auf Erzeuger und Entnehmer für die EU insgesamt ausweisen.
Im EU Schnitt entfallen rund 14 Prozent der Übertragungsnetzkosten und etwa 4 Prozent der Verteilnetzkosten auf die Erzeugerseite, der überwiegende Teil wird über Entnehmerentgelte finanziert. In Österreich liegen diese Anteile laut Aurora bei rund 22 Prozent auf der Übertragungsnetzebene und etwa 5 Prozent auf der Verteilnetzebene. Österreich bewegt sich damit gemeinsam mit Schweden in einer kleinen Gruppe von Ländern, in denen Einspeiser einen spürbaren Teil der Netzkosten tragen.
Die zugrunde liegende Grafik zum von Einspeisern geleisteten Anteil am Netzentgeltaufkommen zeigt diese Sonderstellung deutlich.

Quelle: AURORA (2025): Analyse von Einspeisenetzentgelten in Österreich vor dem Hintergrund der ElWG-Novelle
Schweden weist den höchsten Einspeiseranteil auf, Österreich folgt knapp dahinter. In vielen anderen Mitgliedstaaten ist der Beitrag der Erzeugung dagegen kaum messbar, die Netzkosten werden dort fast vollständig über die Lastseite refinanziert. Erzeuger zahlen vor allem Anschlussentgelte und gegebenenfalls Verlustkosten, aber kaum durchgängige Use of System Entgelte pro eingespeister Megawattstunde.

Quelle: AURORA (2025): Analyse von Einspeisenetzentgelten in Österreich vor dem Hintergrund der ElWG-Novelle
Blick über Europa hinaus
Der europäische Vergleich zeigt: Nur wenige Länder wie Schweden und Österreich binden Einspeiser spürbar in die Finanzierung der Netze ein, in vielen Staaten liegt der Beitrag der Erzeugung nahe null. Damit stellt sich die Frage, wie andere Märkte weltweit mit der Aufteilung der Netzkosten umgehen und ob Erzeuger dort stärker oder schwächer in die Pflicht genommen werden als in Europa.
Außerhalb Europas gibt es sehr unterschiedliche Ansätze. Drei Beispiele zeigen die Spannweite.
- Chile
In Chile trugen Erzeuger lange Zeit den Großteil der Übertragungskosten. Das hat vor allem Projekte in entfernten Regionen deutlich belastet, weil ein großer Teil der Netzkosten direkt bei der Erzeugungsseite anfiel. Inzwischen wird das System reformiert, die Kosten werden schrittweise stärker auf die Lastseite verlagert. Chile zeigt damit, dass eine sehr hohe Erzeugerbeteiligung zwar möglich ist, politisch und wirtschaftlich aber zunehmend hinterfragt wird.
- Brasilien
In Brasilien werden die Übertragungskosten über den Transmission Tariff sowohl auf Erzeuger als auch auf Entnehmer verteilt. Erneuerbare Anlagen unter 30 Megawatt erhalten teils deutliche Rabatte, wodurch die Belastung für kleinere Projekte reduziert wird. Erzeuger leisten einen merklichen Beitrag zu den Netzkosten, dieser Beitrag wird jedoch durch Schwellenwerte und Vergünstigungen gezielt gedämpft und gesteuert.
- Singapur
In Singapur ist der Netzanteil in den Endkundentarifen hoch, die Finanzierung erfolgt aber nahezu vollständig über die Verbraucherseite. Erzeuger zahlen keine durchgängigen Netznutzungsentgelte pro eingespeister Megawattstunde, sondern tragen Netz und Systemkosten vor allem über Marktmechanismen und einzelne Gebühren. Singapur steht damit für das Gegenmodell zu einer starken Erzeugerbeteiligung und unterstreicht, dass hohe Netzkosten nicht automatisch zu hohen Entgelten auf der Erzeugerseite führen müssen.
Österreich bei den Erzeugerentgelten weit vorne
Der Blick auf Europa und ausgewählte internationale Beispiele zeigt ein breites Spektrum. Es gibt Systeme mit hoher Erzeugerbeteiligung an den Netzkosten. Chile und Brasilien sind Beispiele, in denen Erzeuger einen relevanten Anteil der Übertragungskosten tragen, diese Modelle werden jedoch schrittweise in Richtung Entlastung der Erzeugung reformiert. Auf der anderen Seite stehen Märkte, die die Finanzierung der Netze fast vollständig über die Verbrauchsseite organisieren. In Singapur, aber auch in zahlreichen europäischen Staaten, werden Netzkosten überwiegend über Verbraucherentgelte refinanziert. Erzeuger zahlen dort vor allem Anschlussentgelte und einzelne netznahe Komponenten, aber keine breiten laufenden Use of System Entgelte.
Die Mehrheit der EU Länder liegt zwischen diesen Extremen. Erzeuger leisten einen moderaten Beitrag über spezifische Netzentgelte oder Gebühren, der Hauptteil der Netzkosten bleibt auf der Verbraucherseite. Österreich gehört in dieser Logik bereits heute zu den Ländern mit überdurchschnittlicher Erzeugerbeteiligung und bildet gemeinsam mit Schweden eine kleine Gruppe von Staaten, in denen Einspeiser einen spürbaren Anteil der Netzkosten tragen.
Regulierungsbehörden und EU Institutionen nehmen die Wirkung solcher Entgelte seit Jahren ausdrücklich in den Blick. Die Europäische Kommission hält fest, dass Netzentgelte auf der Erzeugerseite Investitionsentscheidungen und Wettbewerbsbedingungen beeinflussen. ACER warnt in seinen Analysen vor unkoordinierten oder doppelt ansetzenden Netzgebühren für Erzeuger, weil sie Standortentscheidungen verzerren und einen Wettlauf um möglichst niedrige Erzeugerentgelte auslösen. Im Mittelpunkt stehen kostenreflektive, transparente Tarife ohne Doppelbelastung, die Investitionen in neue erneuerbare Kapazitäten nicht behindern.
Vor diesem Hintergrund ist Österreich bereits heute ein Land mit hoher Erzeugerbeteiligung an den Netzkosten. Eine zusätzliche Ausweitung der Netznutzungsentgelte auf der Einspeiseseite im Rahmen des ElWG verschärft diese Position und entfernt Österreich weiter von jenem Kurs, den viele europäische Staaten und die europäischen Institutionen anstreben: Netzentgelte so zu gestalten, dass sie Netzausbau und Investitionen in erneuerbare Erzeugung unterstützen, statt sie zu erschweren. Aus Sicht der Holzkraftwerke ist eine weitere Erhöhung der laufenden Entgelte auf der Erzeugerseite daher energiepolitisch und standortpolitisch problematisch.
Fakten:
„Österreich gehört bei den Erzeugerentgelten gemeinsam mit Schweden zur Spitzengruppe in Europa. In vielen EU Staaten zahlen Erzeuger kaum laufende Netznutzungsentgelte, die Netzkosten werden dort fast vollständig über die Verbrauchsseite finanziert.“
„Mit dem ElWG würden Holzkraftwerke zusätzlich zum Netzverlustentgelt künftig auch laufend Netznutzungsentgelt zahlen. Der Standort Österreich rückt damit weiter in Richtung hoher netzbezogener Kosten auf der Erzeugerseite.“
„Länder mit traditionell hoher Erzeugerbeteiligung wie Chile und Brasilien reformieren ihre Systeme derzeit in Richtung Entlastung der Erzeugung, während Singapur und viele EU Staaten Netze bewusst primär über Verbraucherentgelte finanzieren.“
„Europäische Institutionen und ACER halten fest, dass Netzentgelte auf der Erzeugerseite Investitions- und Standortentscheidungen beeinflussen und nicht so gestaltet sein dürfen, dass sie den Ausbau erneuerbarer Erzeugung behindern.“








